Konferenz: Verstummte Stimmen. Die Bayreuther Festspiele und die "Juden" 1876 bis 1945
12.07.2012 - 14.07.2012
Die Konferenz ist Teil eines Ausstellungsprojekts, das von dem Historiker Hannes Heer, dem Musikpublizisten Jürgen Kesting und dem Gestalter Peter Schmidt entwickelt und unter dem Titel „Verstummte Stimmen. Die Vertreibung der ‚Juden‘ aus der Oper 1933 bis 1945“ an den Staatsopern Hamburg (2006), Berlin und Stuttgart (2008), am Landestheater Darmstadt (2009) und an der Semperoper Dresden (2011) präsentiert wurde. Die Ausstellung beschreibt nicht nur die Vertreibung der „jüdischen“ und „politisch untragbaren“ Ensemblemitglieder und deren Schicksale nach 1933, sondern sie rekonstruiert auch den völkisch-antisemitischen Kulturkampf, mit dem Teile des Bildungsbürgertums der Weimarer Republik diesen gewaltsamen Exodus vorbereitet haben.
Für 2012 ist die Ausstellung von der Richard-Wagner-Stiftung und der Stadt Bayreuth jetzt auch zu den Festspielen eingeladen worden. Sie wird unter dem Titel „Verstummte Stimmen. Die Bayreuther Festspiele und die ‚Juden‘ 1876 bis 1945“ zeigen, wie die Festspiele zum Instrument einer völkisch-deutschnationalen Mobilisierung wurden und die antisemitische Besetzungspraxis von Cosima und Siegfried Wagner Ausdruck einer bewussten Politik der Diffamierung und Ausgrenzung „jüdischer“ Künstler war. Erstmals wird die Vertreibung und Verfolgung der „Bayreuther Künstler“ im Dritten Reich dargestellt.
Die Konferenz will diese Befunde anhand von vier Fragestellungen überprüfen und möglicherweise erweitern: Sie stellt Richard Wagners pamphletistischen und den übersehenen praktischen Antisemitismus von Cosima in den Kontext der Geschichte ihrer Zeit. Sie fragt danach, inwieweit die Festspiele als Feier der „eigenen wahren Natur“ der Deutschen zur Formierung der fehlenden „kollektiven nationalen Identität“ des zweiten deutschen Reiches beigetragen haben. Sie untersucht, ob im Umgang von Richard und Cosima Wagner mit jüdischen Künstlern frühe Modelle der Apartheid herausgebildet wurden. Und sie zeigt die Stationen, über die der Schwiegersohn Houston Stewart Chamberlain für die Wagner-Familie wie für den „Bayreuther Gedanken“ den Weg gebahnt hat in die zerstörerische deutsche Politik des 20. Jahrhunderts.
Ort: Kammermusiksaal im Steingraeber Haus, Steingraeberpassage 1, Bayreuth
Konzeption und Konferenzleitung: Hannes Heer; Tagungsorganisation: Jens Hommel
Formlose Anmeldung wird erbeten bis 1.7.2012 unter: konferenz@verstummtestimmen.de
Die Konferenz wird gefördert von der Bundeszentrale für politische Bildung.

Programmablauf
Donnerstag 12. Juli
19.30 Eröffnung
20.00 Udo Bermbach
„Die rechte Entwicklung des wahrhaften deutschen Lebens“. Der Mythos von der Rettung Deutschlands durch „arteigene“ Kunst
Freitag 13. Juli
I. Das Bild vom Juden und dessen Transformationen. Neues zum Antisemitismus Richard und Cosima Wagners
09:00 Werner Bergmann
Der Schatten der Aufklärung. Antisemitische Ausgrenzungs- und Vertreibungsphantasien in Klassik, Romantik und Vormärz 1784 bis 1848
10:00 Jens Malte Fischer
Richard Wagners Antisemitismus. Genese – Formulierung – Radikalisierung
11:00 Kaffeepause
11:30 Micha Brumlik
Erklärte und organisierte Antisemiten. Der Einfluss von Stoecker, Marr, Dühring, De Lagarde und Treitschke auf Richard Wagner
12:30 Oliver Hilmes
Cosima Wagners Judenhass und seine Quellen
13:30 Mittagspause
II. Die konstruierte Nation: Die Bayreuther Festspiele und ihr Beitrag zur völkisch-rassistischen Sammlung 1876 bis 1914
14:30 Uwe Puschner
„Daß aus dem deutschen Blute das Heil der Welt komme...“ Die völkische Bewegung in Deutschland
15:30 Bernhard Giesen
Kollektive Identität nach der Reichsgründung: Sakralisierung der Vergangenheit, Mythologien einer neuen Religion, Antisemitismus als asketische Utopie und politische Abwehr
16:30 Kaffeepause
17:00 Wolfgang Hardtwig
Die inszenierte Nation. Reichsdenkmäler, nationale Feiern und der Wagnerkult in Bayreuth
Samstag 14. Juli
III. Der unterschlagene Schwiegersohn. Houston Stewart Chamberlain und die Wandlung des Bayreuther Antisemitismus zur „Rassentheorie“
09:00 Anja Lobenstein-Reichmann
Kulturchauvinismus. Germanisches Christentum. Austilgungsrassismus. Houston Stewart Chamberlain als Leitfigur des deutschnationalen Bürgertums und Stichwortgeber Adolf Hitlers
10:00 Sven Fritz
Chamberlain und der Eintritt Wahnfrieds in die Tagespolitik: Kriegsschriften, Alldeutscher Verband und Vaterlandspartei
11:00 Kaffeepause
IV. Ausgrenzung und Verfolgung. Die Behandlung von jüdischen Künstlern 1876 - 1945
11:30 Stephan Mösch
"Liebevolles Wegweisen". Der Dirigent Hermann Levi bei den Bayreuther Festspielen
12:30 Mittagspause
13:30 Hannes Heer
„Wir wollen doch die Juden aussen lassen“. Antisemitische Besetzungspolitik in der Ägide Cosima und Siegfried Wagner 1883 bis 1930
14:30 Boris von Haken
Von der „Entjudung“ zur Nazifizierung der Bayreuther Festspiele
15:30 Abschlussdiskussion
